Ein Ort mit vielen Funktionen: Das Bantabaa in Kreuzberg

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„Bantabaa“ bezeichnet in Gambia einen Versammlungsort oder Treffpunkt. Und in Berlin-Kreuzberg ein Suppen-Bistro, ein Food Startup und einen Hilfsverein. Die Initiative geht auf Annika Varadinek zurück, die im Wrangelkiez, gleich neben dem Görlitzer Park, wohnt und hier auch ein Café betreibt. Der Park ist für die vielen Flüchtlinge bekannt, die sich hier aufhalten und Drogen verkaufen, etliche stammen aus Westafrika, etwa aus dem Senegal, Mauretanien oder Mali, und sind über Libyen nach Italien gekommen. Weil es dort kaum staatliche Unterstützung für sie gibt, ziehen viele weiter nach Norden und landen irgendwann in Berlin.
Annika Varadinek wirkt nicht wie ein naiver Gutmensch mit Helfersyndrom. Die Einunddreißigjährige hat Jura studiert und nebenbei als Flugbegleiterin gearbeitet. Sie hat die Probleme vor ihrer Haustür gesehen und sich entschieden, sie zu lösen. Mit ihrer Mutter, einer Rechtsanwältin, als Investorin gründet sie 2015 zunächst den Hilfsverein Bantabaa Community, der Rechtsberatung übernimmt, Übernachtungsplätze zur Verfügung stellt und Deutschkurse anbietet. Weil viele Geflüchtete sich in Ihrem Café nützlich machen wollen, aber wegen fehlender Arbeitserlaubnis und der komplizierten Kommunikation mit den zuständigen Behörden in Italien nicht tätig werden dürfen, gründet Varadinek als nächstes die Bantabaa Academy und mietet dafür eine kleine Küche an, in der ein gelernter Koch jeweils vier Hospitanten die Grundlagen der Arbeit in gastronomischen Betrieben näher bringt und ihnen zeigt, wie einfache Speisen zubereitet werden oder welche Hygiene-Vorschriften einzuhalten sind. Natürlich ist das Erlernen der deutschen Sprache ein erwünschter Nebeneffekt. Weil das so gut funktioniert, erfolgt 2016 der Umzug in eine größere Küche mit vorgelagertem Café in der Wrangelstraße und die Anstellung eines zweiten Profikochs: Geburtsstunde des Suppen-Bistros und des Handels mit Lunch Boxen unter dem Namen „Food Dealer“. Inzwischen gibt es fünf angestellte und 15 hospitierende Flüchtlinge.
Die Idee hinter dem Food Dealer: Boxen mit 18 verschiedenen eingeweckten Bantabaa-Gerichten werden kostenlos an Berliner Büros geliefert und in der Gemeinschaftsküche aufgestellt. Angestellte können Suppen für die Mittagspause via Geldeinwurf in eine integrierte Geldschatulle kaufen. Wenn der Kisteninhalt zuneige geht, füllen Vertriebsmitarbeiter des Food Dealers sie wieder mit frischen, ein Jahr haltbaren Suppen auf. Seit September letzten Jahres machen sie aktiv Vertrieb für die Suppenboxen  und stehen bereits in 170 Büros. Jeden Tag können sie 300 Suppen einkochen, 5.000 stehen im Lager bereit. Ein Onlineshop und weitere Vertriebsmitarbeiter sind geplant. „Die Suppenboxen müssen das ganze System inklusive Wohnungen und Ausbildungen finanzieren“, sagt Varadinek, „denn Bistro und Catering allein reichen nicht aus.“ Bis Mitte des Jahres soll und muss sich alles selbst tragen. Überhaupt sei es ein Kampf gewesen, den gemeinnützigen Verein, das Lokal und die Vertriebsfirma rechtlich sauber zu strukturieren. Doch der habe sich schon jetzt gelohnt: „Ich merke ja, wie sich die Hospitanten entwicklen: als Drogenverkäufer im Park haben sie auf der Straße geschlafen, sahen zerknittert aus und haben tagelang nicht geduscht, nicht die Klamotten gewechselt“, sagt Varadinek, „jetzt haben sie einen Ort, an dem sie zur Ruhe kommen können, haben feste Strukturen und Hilfe, wenn sie krank werden oder bei den Papieren etwas nicht stimmt.“
Das Bistro öffnet täglich von 11:30 Uhr bis 20 Uhr und bietet etwa 20 Innen- und 20 Außenplätze. Es gibt einen Mittagstisch, Suppen, Eintöpfe und afrikanische Gerichte wie Domoda, ein Gemüse-Erdnuss-Ragou, Yassa, ein Senf-Zwiebel-Hühnchen-Gericht oder Superkanja ein Spinat-Gemüse-Eintopf mit Ockraschoten. Die Gerichte kosten zwischen 3,50€ und 5,50€ dazu kommt 2,50 € Pfand für das Weckglas, wenn das Gericht aus dem Bistro mitgenommen wird. Der Durchschnittsbon liegt bei sieben Euro. Die Gäste sind so jung und unkonventionell wie der Kiez, mittags wie abends kommt viel Laufkundschaft, aber auch Interessierte aus anderen Teilen Berlins, die über Facebook und Social Media auf das Projekt aufmerksam geworden sind. Jeden Freitagabend findet das „Community Dinner“ des Vereins statt, bei dem Flüchtlinge, Freunde und Interessierte gemeinsam kochen und essen. Marcel Czimmek ist als Restaurantleiter für den reibungslosen Ablauf im Bistro verantwortlich. Der 28-jährige Brandenburger hat eine Bäckerausbildung, dann Veranstaltungskaufmann gelernt, sich danach als Barrista weitergebildet. Zurzeit macht noch eine Ausbilder-Eignungsprüfung bei der IHK. Auch er ist durchdrungen vom Wunsch, anderen zu helfen und seine Erfahrungen zu teilen. Aber zugleich hat er schon als Lehrling erfahren, dass Leistung und Qualität zählen. Er weiß, dass man gerade am Anfang streng und konsequent sein muss. „Sobald man nachlässig wird, fangen sie an, mir auf der Nase herum zu tanzen.“ Das begänne mit ‚Ich muss mal kurz rüber in die Wohnung‘ und ende mit einer halbstündigen Verspätung zum Schichtbeginn. „Dann kriegt er eine Ansage, denn Pünktlichkeit ist extrem wichtig – und deutsche Zeit ist was anderes als afrikanische Zeit“, sagt Czimmek. Dabei kommuniziert er auf einem schmalen Grat: „Man darf nicht vor den Gästen zurecht weisen und nicht zu viel auf einmal fordern, sonst ist schnell die Ehre angekratzt.“ Was ihn ärgert: Wenn sich 20 Mal für ein Fehlverhalten entschuldigt wird, aber sich nichts ändert. „Es fällt mir dann irgendwann schwer, die Entschuldigungen anzuerkennen.“ Wichtig sei zu vermitteln, dass auf das Einhalten von Regeln nicht gepocht werde, um die Mitarbeiter zu ärgern, sondern damit sie eine Perspektive haben – egal wohin sie später einmal gehen. Und tatsächlich kommt es vor, dass seine Schützlinge plötzlich nicht mehr erscheinen und keiner weiß, wo sie abgeblieben sind. „Ich weiß nie, ob ich sie am nächsten Tag wiedersehen werde“, sagt Czimmek, „deshalb möchte ich jeden Tag so viel Wissen wie möglich weitergeben.“Und Annika Varadinek ergänzt: „Selbst wenn sie nach Italien oder zurück nach Afrika abgeschoben werden, können sie dort mit dem hier gewonnen Know-how etwas anfangen.“

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