Macht eure Wirtshäuser digital!

Die vergangenen zwei Wochen waren geprägt von Pressekonferenzen und Kongressen. Dabei habe ich auf dem Gastro-Immobilienkongress gelernt, dass in Einkaufscentern Erlebnisgastronomie an die Stelle des in den Onlinehandel abwandernden Fashionshops als Ankermieter treten soll und der triste Food Court von einst als die fancy Cash Cow der Zukunft betrachtet wird. Auf dem Franchise-Forum erfuhrt ich, dass sich Pizzalieferdienste und andere Franchise-Restaurants von Plattformen wie DeliveryHero oder Foodora übervorteilt fühlen, die sich analog zu Hotelportalen zu ungeliebten Zwischenhändlern gemausert und damit zwischen Kunde und Koch gequetscht haben, um Margen zwischen um 15% vom Gewinn der Restaurants abzuzweigen. Auch für stationäre Betriebe werden die unausweichlichen Nebenkosten immer höher und schwerer zu durchschauen. Sie müssen nicht nur teure Abos für ihre vernetzten Kassensysteme von HelloCash oder Orderbird zahlen, sondern auch neu ausgeklügelte Zusatzdienste wie dine+go, die ihnen in Zukunft mehr Geschäftsessen bescheren sollen. Auf dem Pressefrühstück, auf dem diese App vergangene Woche vorgestellt wurde, wurden die Kosten für den Dienst mit 2% vom Umsatz benannt – ein verlockender Einstiegspreis, doch die Gastronomen geben damit wieder ein Stück Souveränität beim Marketing auf und müssen ihren Erlös mit einem weiteren Player teilen. Zumal ihnen der Einzelhandel ohnehin mit immer mehr „Ready to eat“-Produkten das Überleben schwer macht. „Jedes Jahr macht der stationäre Handel rund 10 Milliarden Euro Umsatz mit gastronomischen Produkten“, sagte Ingrid Hartges, Hauptgeschäftsführerin des DEHOGA-Bundesverbands auf der Jahrespressekonferenz der DEHOGA vergangene Woche. Ob Salatboxen oder Sandwiches – bei Aldi, Lidl und Co gibt es immer mehr Produkte, die in direkter Konkurrenz zum Restaurant stehen und das für nur 7% statt 19% Mehrwertsteuer. Immer öfter findet sich im Vorraum sogar noch ein Kaffeeautomat, der Cappuccino bereitet – auch dieses margenträchtige Getränk wird dem Gastronomen entzogen. Der eilige Mittagsgast verzehrt Sandwich und Kaffee dann einfach auf der nächsten Parkbank. Und das is noch nicht das Ende: Denn wo Discounter in der Präsentation von verzehrfertigen Produkten limittiert sind, fangen Verbrauchermärkte erst an! Angesichts der zunehmenden Onlinekonkurrenz fragen sich auch Kaufland, real und Famila: „Warum soll ich das Pfund Kaffee für vier Euro verkaufen, wenn ich dem Kunden auch ein Tasse Kaffee für 2,50 € anbieten kann?“, sagte mir ein real-Manager am Rande einer Tagung. Die SB-Warenhäuser setzen ebenfalls vermehrt auf Frischeerlebnisse, Marktplatzatmosphäre und längere Verweildauer ihrer Kunden mit der Möglichkeit, direkt vor Ort zu konsumieren und stellen sich damit in direkte Konkurrenz zu Restaurants.

Mein Fazit: Die Gastronomen müssen jenen zuvorkommen, die ihre Gewinne abschöpfen wollen. Sie müssen die Chancen, die sich direkt und indirekt aus der Digitalisierung ergeben, selbst erkennen und frühzeitig nutzen, bevor es andere tun. Zugleich müssen sie für eine steuerliche Gleichbehandlung kämpfen, sonst bewahrheitet sich am Ende, wovor die DEHOGA warnt: „Das Wirtshaus ist oft der einzig verblieben öffentliche Ort in einem Dorf – und ein Dorf ohne Wirtshaus ist arm dran.“

Ein Kommentar Gib deinen ab

  1. Hilke Masche sagt:

    Mein Wahlspruch lautet: ein Grundrecht auf Kneipe! Ein niederschwelliges Gesprächsangebot, ortsnah, ermöglicht soziale Mikrokontakte und verhindert Vereinsamung und politisches Abdriften, das muss für alle Bürgerinnen und Bürger erreichbar sein. Kulturelle und kulinarischeTreffpunkte können das ebenso leisten.

    Gefällt 1 Person

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