Umweltschutz: Hotels sagen Plastik den Kampf an

Die Kampagne #Stopsucking der Lonely Whale Foundation, die sich gegen die Verwendung von Trinkhalmen aus Plastik wendet, startete bereits 2017 in den USA. Doch nachdem sich in den Sozialen Netzwerken immer mehr Menschen zu Wort gemeldet haben, wurde sie immer größer und ist inzwischen auch in deutschen Hotel- und Gastronomiebetrieben angekommen. Warum die Kampagne es ausgerechnet auf Strohhalme abgesehen hat, ist schwer zu sagen, denn die Plastikhalme machen nur einen sehr geringen Anteil der täglich verwendeten Einwegartikel aus Kunststoff aus. Aber sie sind zum Trinken prinzipiell nicht nötig und landen häufig in der Umwelt, etwa am Strand, von wo aus sie ins Meer gespült werden. Für weltweite Bestürzung sorgte zudem ein Video, bei dem einer Meeresschildkröte ein Strohhalm aus dem Nasenloch entfernt werden musste. Allein das Originalvideo auf YouTube wurde bis heute rund 32 Mio. Mal angesehen und hat die mediale Sensibilität für Plastikstrohhalme stark beeinflusst.

Wolfgang Küpper Prokurist von Papstar
Wolfgang Küpper Prokurist von Papstar

Einen Rückgang der Bestellungen von Plastikstrohhalmen möchte Wolfgang Küpper, Prokurist und Marketing Direktor der Papstar GmbH, bisher allerdings nicht feststellen. Allerdings würden in den letzten Monaten Trinkhalme aus Bio-Plastik aus Polymilchsäure (Polylactid, kurz PLA) sowie aus Papier verstärkt nachgefragt. Ein Verbot von Trinkhalmen aus Plastik hält er für eindeutig übertrieben. „Trinkhalme aus Bars oder Hotels landen sicherlich nicht im Meer! Diese Produkte sind ja nicht grundsätzlich schädlich, nur dann, wenn Sie unkontrolliert in die Umwelt gelangen“, sagt Küpper. Und das gelte für jeglichen Abfall, der nicht sachgerecht entsorgt wird. „Nicht der Hersteller von Produkten verschmutzt die Umwelt, sondern derjenige, der Dinge in die Umwelt wirft.“ Küpper bedauert, dass das Problem des „Littering“ von Politik und Medien zu wenig beachtet werde.

Nicht aus Biokunststoff, sondern auch Weizen sind die Einweg-Trinkhalme, die in der Restaurantkette Sausalitos verwendet werden. Diese sollen laut Hersteller Sunny Pipe geschmacksneutral und in Kaltgetränken mindestens 50 Minuten formstabil sein. Sie bestehen aus einem nachwachsenden Rohstoff und sind vollständig biologisch abbaubar, eignen sie sich sowohl für die stationäre Gastronomie wie für das To-Go-Geschäft. Eine langlebige und elegante Alternative zu Trinkhalmen aus Plastik bietet das Berliner Start-up HALM an: Bereits über 250 Gastronomiebetriebe und Hotels nutzen deren wiederverwendbaren Trinkhalme aus Glas. „Beinahe jeder Bar-Chef macht sich daher gerade auf die Suche nach einer nachhaltigen und geschmacklich hochwertigen Lösung“, sagt HALM-Gründer Sebastian Müller, denn für Cocktails, Longdriks und Smoothies würden Trinkhalme benötigt. Mit den Trinkhalmen aus Glas würden Gastronomen nicht nur demonstrieren, dass sie sich für mehr Nachhaltigkeit und Umweltschutz einsetzen, sondern gleichzeitig ihr Getränkeangebot aufwerten. „500 Euro und 50.000 Plastikhalme sparen Gastronomen durchschnittlich im Jahr ein, wenn sie sich für Trinkhalme aus Glas entscheiden“, sagt Sebastian Müller.

Marc Lorenz Lulu Guldensmegen Hotel Berlin
Marc Lorenz Lulu Guldensmegen Hotel Berlin

Ein Kunde der HALM-Glasröhrchen ist das Lulu Guldsmegen Hotel in Berlin: „Wir haben noch nie Strohhalme aus Plastik verwendet, sondern arbeite von Anfang an mit dem Berliner Start-up HALM zusammen, die perfekt zu uns passen“, sagt General Manager Marc Lorenz. „Natürlich sind die Glashalme von HALM auf den ersten Blick kostspieliger, aber erstens braucht man nicht für jedes Getränk einen Strohhalm und zweitens sind sie sehr langlebig.“ Für ein ökologisch ausgerichtetes Boutique-Hotel gebe es überhaupt keine andere Möglichkeit, als auf Plastik zu verzichten, um den Kunden gegenüber ehrlich zu bleiben, so Marc Lorenz.

Doch inzwischen geht es den Hoteliers und Gastronomen um mehr als nur die Strohhalme. Viele möchten dem gestiegenen Bedürfnis ihrer Kunden nach mehr Umweltschutz und Nachhaltigkeit entsprechen und wo möglich auf Einwegartikel aus Kunststoffen verzichten. Nachdem bereits die Hotelketten Hilton, Hyatt, Iberostar, Marriott, Oetker Collection, Scandic, die Kaffeehauskette Starbucks und der Lieferservice Deliveroo angekündigt haben, zukünftig auf Plastik zu verzichten, plant jetzt auch die spanische Hotelgruppe Meliá Hotels International, bis Ende des Jahres Plastik-Einwegprodukte abzuschaffen. Und dabei geht es keinesfalls nur um Strohhalme. So will die Hyatt-Gruppe einerseits bis zum 1. September 2018 auf alle Kunststoff-Sticks und Strohhalme verzichten – allerdings nur in den USA und Südamerika. Darüber hinaus sollen als Teil der „Hyatt 2020-Strategie“ sämtliche Artikel aus Plastik, zunächst in den Restaurants und Bars der Gruppe, durch nachhaltige Materialien wie Papier oder Bambus ersetzt werden.

Meliá-Chef Gabriel Escarrer Jaume
Meliá-Chef und oberster Umweltschützer: CEO Gabriel Escarrer Jaume. 

Auch die spanische Hotelgruppe Meliá HotelsKonsumgewohnheiten zu ändern.“ Diese Änderung betreffe sowohl den einzelnen Betrieb als auch die Kultur des Unternehmens und seine Kundenbeziehungen. „Anstatt es als Risiko zu betrachten, verstehen wir dies als eine große Chance, unsere Kunden und andere Interessengruppen zu einzubeziehen und ihre Loyalität zu stärken.“ Bei Meliá steuern zwei Abteilungen diesen Umstellungsprozess: die Abteilung Works & Purchases mit dem „Environmental & Energy Office“, und die Abteilung für Corporate Responsibility & Strategy. Doch da die Umweltpolitik für Gabriel Escarrer von großer Bedeutung ist, überwacht er die Fortschritte persnlich und lässt er sich von beiden Abteilungen direkt berichten.

Und auch deutsche Hotelketten wie die Lindner Hotel AG machen mit. „Auf unseren Frühstücksbuffets sind Marmelade und Honig in Gläsern bzw. Honigwaben zu finden“, sagt Pressesprecherin Linda Böke, „dadurch kann auch der Einsatz von Einzelportionen, die in der Regel ja plastikverpackt sind, vermieden werden.“ Einweggeschirr würde ohnehin nicht in der gastronomie der Lindner-Hotels verwendet. Und auch die Lunch-Pakete seien aus Pappe statt Plastik. Bei allen Neuausschreibungen von Zulieferern wird auch der Punkt Plastikvermeidung bewertet, so dass in Zukunft mit weiteren Maßnahmen zum Verzicht auf unnötigen Müll zu rechnen sei. Generell sei Nachhaltigkeit und Umweltschutz für die Lindner Hotels schon lange ein wichtiges Thema, so Böke, deshalb habe man seit in diesem Jahr auch das Frühstücksbüfett und Küchenprozesse mit dem Ziel überarbeitet, Lebensmittelverschwendung weiter zu reduzieren.

Roland Bramling vom WWF
Roland Bramling vom WWF

Diesem Vorgehen kann Roland Gramling, Pressesprecher des WWF Deutschland, nur beipflichten. Denn neben dem Verzicht auf Plastik seien Lebensmittelverschwendung durch die Büfetts und der Energiebedarf zwei weitere wichtige Themen, die Hotels angehen könnten, wenn sie etwas für die Umwelt tun wollen. Aber auch der Plastik-Verzicht stößt auf Gegenliebe bei der Umweltschutzorganisation. „Grundsätzlich finden wir gut, wenn Hotels und Gastronomen versuchen, auf Einwegartikel zu verzichten. Jede Vermeidung von unnötigem Müll ist ein guter Ansatz“, sagt Gramling. Man dürfe nicht vergessen, dass die Recyclingquote in Deutschland zwar vergleichsweise hoch sei, aber noch weit von 100% entfernt. „Deutschland ist in Europa Spitzenreiter beim Verbrauch von Verpackungen! Laut einer Studie des Bundesumweltamts produziert jeder Bundesbürger im Durchschnitt rund 200 Kilo Verpackungsmüll pro Jahr – das ist enorm viel.“

Mara Hancker von der Industrievereinigung Kunststoffe
Mara Hancker von der Industrievereinigung Kunststoffe

Von diesen Verpackungen aus Kunststoff lebt eine ganze Branche, die deutsche Kunststoffverpackungsindustrie. Hier sieht man den Trend zur Plastikvermeidung naturgemäß skeptisch. Zwar begrüßt Mara Hancker, Referentin für Kommunikation und Wirtschaft der Industrievereinigung Kunststoffverpackungen e. V. „selbstverständlich das Ziel, die Meere zu schützen, Ressourcen zu schonen und einen verantwortungsvollen Umgang mit Kunststoffprodukten zu fördern.“ Auch Kennzeichnung, Pfandsysteme und Mehrwerglösungen können nach Ansicht des Verbands einen Beitrag zum Umweltschutz. Allerdings hält man hier Verbote für kontraproduktiv. Denn wenn Kunststoffanwendungen durch andere Materialen ersetzt werden, müsse das nicht automatisch der Ökobilanz zugute kommen. Das zeige eine Studie zum Vergleich zwischen Papier- und Plastiktüten aus Dänemark, wonach Papiertüten in der Regel nur einmal, Plastiktüten dagegen mehrfach verwendet werden. Auch Einwegkunststoffe durch andere Einwegmaterialien zu ersetzen sei nicht zielführend. „Wer heute auf Einweggeschirr auf Kunststoff verzichten will, findet in Mehrweggeschirr aus Kunststoff bereits eine nachhaltige und verbraucherfreundliche Alternative“, sagt Mara Hancker.

Ein Kunststoffglas, das zu 80% aus recyceltem Kunststoff besteht, gibt es allerdings auch schon: Kaffeebecher aus recyceltem Kunststoff gibt es allerdings auch schon: Den Ecoecho Crystal vom schwedischen Spezialist für Einwegservietten und Mitnahmelösungen, Duni. Die Gefäße sind transparent, flexibel und eignen sich insbesondere für optische ansprechenden Inhalt wie Joghurts, Fruchtsäfte oder Smoothies. Doch auch wenn der verwendete Kunststoff zu großen Teilen aus wiederverwertetem Material besteht, besteht auch hier die Gefahr der nicht fachgerechten Entsorgung.

Dieser Text erschien zuerst in der ahgz.de

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