Start-up Brünch: Von Berlin nach London und zurück

In kaum einen Land hat das Frühstück eine so große Bedeutung wie in Deutschland! Die gebürtige Berlinerin Noemi Dulischewski lebte von 2009 bis 2017 in London und vermisste dort das ausgedehnte Frühstück mit Familie und Freunden am Wochenende, bei dem stets eine große Auswahl an Brot, selbst gemachten Aufstrichen und kleinen Köstlichkeiten serviert wurde. Und während es in Berlin an jeder Ecke ein gemütliches Café gibt, finden sich in London vor allem Pubs, die selten Frühstück anbieten und dann nur Porridge oder Eierspeisen mit Würstchen und Speck.

Deshalb beschloss die studierte Hospitality-Managerin, das Berliner Frühstück ihrer Jugend nach London zu bringen und mit der dortigen Brunch-Kultur zu verbinden, zu der auch Sekt und Cocktails gehören. Parallel zu ihrer Arbeit als Beraterin von Investmentfirmen in der Hotellerie-Branche, schrieb sie die ersten Ideen auf, sah sich in der Londoner Entrepreneur-Szene um und ersann nach und nach das Konzept von „Brünch – Berlin meets London“. „Brünch ist meine Reminiszenz an Berlin“, sagt Dulischewski, die alles selbst herstellt von der Erdnussbutter und dem Granola bis zum Fleischsalat und den Eiern im Glas. Die alten Rezepte lösen bei ihr eine Nostalgie aus, die sie mit anderen Berlin-Fans teilen will. Zwar sei die deutsche Küche eher bodenständig, aber man könne eben viel mehr daraus machen, auch optisch, als in der Regel serviert wird. „Für das Anrichten braucht es Liebe zum Detail“, sagt Dulischewski, „es muss schmecken, aber auch unsere Augen sind anspruchsvoller geworden.“

Gerade weil Berlin international angesagt ist, war die Nachfrage enorm: 40 Mal an 30 verschiedenen Orten in London hat sie Brünch als „roaming Pop-up-Event“ ausgerichtet. Dabei fiel ihre Wahl immer auf besondere Locations wie verlassene Lagerhallen, leerstehende Möbelgeschäfte oder alte Brauereikeller – es ging ihr um „rough and unready“-Orte mit Geschichte und eigenem Charme und Atmosphäre. Brünch soll mehr sein als ein Catering. Noemi Dulischewski möchte ihre Gäste auf eine Reise für alle Sinne mitnehmen. Deshalb engagiert sie für jedes Frühstück Top-DJs, deren „Electro Mellow“-Sounds den Räumen klangliche Tiefe verleiht. Doch die Events sind keine Parties, es sind Begegnungen, zu denen nicht nur Hipster, sondern auch Familien mit Kinder, junge und alte Menschen gehören. Jeder Gast meldet sich persönlich an und findet einen Platz mit Hilfe einer Platzkarte mit seinem Namen. „Brünch ist eine sehr persönliche Sache, jeder Gast wird von mir erwartet“, sagt Noemi Dulischewski, „und an der Tafel sollen Menschen einander begegnen und sich austauschen.“ Die persönliche Begegnung sei der große Unterschied zu anderen Events: „Wer zu Brünch kommt, ist offen, möchte neue Leute kennenlernen.“ Die Frühstücke starten um 11:30 Uhr, dann steht das Essen, angerichtet zu „sharing plates“ auf den aufwändig dekorierten Tischen bereit, zur Begrüßung gibt es einen Cocktail mit deutschen Spirituosen, der im Preis von 25 Pfund enthalten ist. Jeder weitere Cocktail kostet extra, die Kaffee-Flatrate ist inklusive. Falls das aufgebaute Essen jemanden nicht ausreichte, wurde jederzeit Nachschlag ausgegeben.

2016 hat Dulischewski ein Lokal der London Fields Brauerei nahe dem Victoria-Park in East London übernommen, der neben dem Frühstück auch eine Abendkarte anbot. Für den Umbau und Einrichtung hat sie eine erfolgreiche Kickstarter-Kampagne initiiert. Der Laden brummte, jedes Wochenende fand sich die deutsche Community bei ihr ein und doch musste sie nach sieben Monaten erkennen, dass die Brünch-Idee unter der Doppelbelastung litt und sie stieg aus dem Projekt aus.

Seit November 2017 lebt Noemi Dulschewski wieder in Berlin und richtet Brünch jetzt hier aus. „Es ist gerade eine spannende Zeit in Berlin“, sagte Noemi Dulischewski, „in der man etwas verändern und seinen Fingerabdruck hinterlassen möchte.“ Mit dem Abstand vieler Jahre im Ausland sieht sie die Entwicklung deutlicher als jemand, der die ganze Zeit in Berlin gelebt hat. So gibt es einerseits kulinarische Quantensprünge und viele Ideen für neue Formen von Ernährung, aber andererseits auch noch viel Entwicklungspotential. Denn obwohl vielerorts Frühstück angeboten wird, mangele es oft an Qualität und Inspiration. „Anfangs dachte ich, dass es hier gar kein Bedarf gibt, aber viele Frühstücksbüfetts in Berlin nerven mich mega an, mit der Lidl-Wurst und der Billigmarmelade!“ Keine Überraschung also, dass die Tickets für ihre Events, die für 28 Euro pro Person über asaptickets.comvertrieben werden,  sofort ausverkauft waren. Bisherige Stationen waren das Khwan auf dem RAW-Gelände und der LOQI Tower an der einstigen DDR-Paradestrecke Stalinalle, heute Frankfurter Allee. Die Events sind profitabel, sagt Noemi Dulischewski, allerdings zu selten, um allein davon leben zu können. Deshalb entwickelt sie weiterhin als Beraterin weiterhin Gastrokonzepte und coacht Hotels und Restaurants. Ein Angebot, Brünch zu einer Franchise-Marke weiter zu entwickeln, hat sie bereits abgelehnt: Wenn man Brünch so skaliert, dass es Geld abwirft, müsste es Abstriche bei der Qualität geben und das Ganze verliert den persönlichen Charme“, ist die junge Frau überzeugt.

Dieser Artikel erschien zuerst in der Allgemeinen Hotel- und Gastronomie-Zeitung. Verbreitung oder Vervielfältigung auch auszugsweise nur mit Zustimmung des Autors ©OliverNumrich

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